Kurz gesagt: Eine Richtofferte ist eine unverbindliche Preisschätzung vor dem Aufmass, meist als Bandbreite (zum Beispiel CHF 11’000 bis 13’500 exkl. MwSt). Sie bindet Sie nur dann nicht, wenn der Vorbehalt ausdrücklich dasteht und die Kundschaft ihn verstehen musste. Fehlt er, kann aus der Zahl ein verbindlicher Preis werden.
“Was kostet das ungefähr?” ist die häufigste erste Frage am Telefon, und sie kommt, lange bevor Sie das Objekt gesehen haben. Die Richtofferte ist die Antwort darauf: eine Grössenordnung, meist als Bandbreite, ohne Aufmass und ohne Verpflichtung. Sie hilft der Kundschaft beim Budget und Ihnen beim Aussortieren von Anfragen, die nie zum Auftrag geworden wären.
Heikel ist nicht das Rechnen, heikel ist das Formulieren. Der Begriff “Richtofferte” steht in keinem Gesetz. Ob ein Dokument als unverbindliche Schätzung oder als verbindlicher Preis gilt, entscheidet sich daran, was darin steht und was die Kundschaft vernünftigerweise verstehen durfte. Genau da entsteht das Missverständnis: Sie nennen eine Hausnummer, die Kundschaft hört einen Preis, und drei Monate später diskutieren Sie über die Schlussrechnung. Dieser Ratgeber zeigt, wie Sie das vermeiden.
Richtofferte, Kostenvoranschlag, Offerte: die Unterschiede
Die drei Begriffe werden im Alltag durcheinandergeworfen. Sie verpflichten Sie aber unterschiedlich stark, und der Unterschied hängt an der Formulierung, nicht am Umfang des Dokuments.
| Begriff | Verbindlichkeit | Typische Formulierung | Wann sinnvoll |
|---|---|---|---|
| Richtofferte | Unverbindlich, solange der Vorbehalt drinsteht | ”Unverbindliche Richtofferte, Grössenordnung CHF 11’000 bis 13’500 exkl. MwSt, ohne Besichtigung” | Erste Anfrage, Budgetklärung, bevor Sie vor Ort waren |
| Kostenvoranschlag | Schätzung, an der Sie gemessen werden; bei unverhältnismässiger Überschreitung darf die Kundschaft zurücktreten (OR Art. 375) | “Kostenvoranschlag nach Besichtigung, ungefährer Ansatz CHF 12’300 exkl. MwSt, Toleranz +/- 10 %“ | Umfang bekannt, einzelne Mengen noch offen |
| Offerte | Verbindlicher Preis, an den Sie während der Gültigkeitsdauer gebunden sind | ”Festpreis CHF 12’295.00 exkl. MwSt, gültig bis 31. Oktober 2026” | Aufmass gemacht, Umfang und Untergrund geklärt |
Die Reihenfolge ist auch der übliche Ablauf: Die Richtofferte kommt ans Telefon, der Kostenvoranschlag oder die Offerte kommt nach der Besichtigung. Wer die Stufe überspringt und direkt mit der Arbeit beginnt, hat die Richtofferte faktisch zum Kostenvoranschlag gemacht.
Wann bindet eine Richtofferte trotzdem?
Das Obligationenrecht kennt die Richtofferte nicht, aber es kennt den unverbindlichen Antrag: Der Antragsteller wird nicht gebunden, wenn er dem Antrag “eine die Behaftung ablehnende Erklärung” beifügt oder wenn sich ein solcher Vorbehalt aus der Natur des Geschäfts oder aus den Umständen ergibt (OR Art. 7 Abs. 1). Dieser Vorbehalt ist der ganze Unterschied. Fehlt er, gelten die Regeln des Werkvertrags, und dann gibt es drei Konstellationen.
Sie haben einen Festpreis genannt (OR Art. 373). Wurde die Vergütung zum voraus genau bestimmt, sind Sie verpflichtet, das Werk um diese Summe fertigzustellen, und dürfen keine Erhöhung fordern, selbst wenn Sie mehr Arbeit oder grössere Auslagen hatten als vorgesehen (Abs. 1). Nur ausserordentliche Umstände, die nicht vorausgesehen werden konnten, geben dem Gericht die Möglichkeit, eine Preiserhöhung oder die Auflösung des Vertrags zu bewilligen (Abs. 2). Umgekehrt gilt der Preis auch zu Ihren Gunsten: Braucht das Werk weniger Arbeit als gedacht, schuldet die Kundschaft trotzdem den vollen Preis (Abs. 3). Eine einzelne Zahl ohne Vorbehalt kann als solcher Festpreis gelesen werden, auch wenn “Richtofferte” darübersteht.
Sie haben nur ungefähr gerechnet (OR Art. 374). Ist der Preis zum voraus gar nicht oder nur ungefähr bestimmt worden, wird er nach Massgabe des Wertes der Arbeit und Ihrer Aufwendungen festgesetzt. Das ist die Abrechnung nach Aufwand, und für die Richtofferte ist es die gute Nachricht: Eine sauber als ungefähr gekennzeichnete Zahl macht aus Ihrer Schätzung keinen Festpreis. Voraussetzung ist, dass Sie die Stunden und das Material auch tatsächlich rapportieren können.
Der ungefähre Ansatz wird unverhältnismässig überschritten (OR Art. 375). Wird ein mit Ihnen verabredeter ungefährer Ansatz ohne Zutun der Kundschaft unverhältnismässig überschritten, darf sie sowohl während als auch nach der Ausführung vom Vertrag zurücktreten (Abs. 1). Bei Bauten auf ihrem eigenen Grund und Boden kann sie stattdessen eine angemessene Herabsetzung des Lohnes verlangen oder, wenn die Baute noch nicht vollendet ist, Ihnen gegen billigen Ersatz der bereits geleisteten Arbeiten die Fortführung entziehen (Abs. 2). Das ist der Artikel, der weh tut, und er greift genau dann, wenn aus der Richtofferte ohne weitere Offerte ein Auftrag geworden ist.
Die 10-Prozent-Regel ist eine Faustregel, kein Gesetz
Das Gesetz nennt keine Prozentzahl. OR Art. 375 spricht von “unverhältnismässig”, und was unverhältnismässig ist, hängt vom Einzelfall ab: von der Auftragsgrösse, von der Art der Arbeit und davon, wie unsicher die Schätzung von Anfang an war. In der Baupraxis gilt eine Überschreitung ab rund 10 Prozent als heikel. Das ist eine Faustregel und keine Grenze, auf die Sie sich verlassen können. Bei einem Auftrag über CHF 3’000 sind 10 Prozent CHF 300 und niemanden kümmert es, bei CHF 300’000 sind es CHF 30’000 und die Diskussion ist eine andere.
Die Konsequenz für Ihre Praxis ist einfach: Schreiben Sie die Toleranz selber ins Dokument. Ein Satz wie “Die genannten Beträge verstehen sich mit einer Toleranz von +/- 10 %. Zeichnet sich eine grössere Überschreitung ab, informieren wir Sie, bevor wir weiterarbeiten” bringt Ihnen zwei Dinge: eine vereinbarte Bandbreite statt eines gerichtlichen Ermessensentscheids und einen Grund, früh zum Telefon zu greifen. Informieren Sie ausserdem sofort, sobald Sie merken, dass es teurer wird. OR Art. 375 gibt der Kundschaft das Rücktrittsrecht nur, wenn die Überschreitung “ohne ihr Zutun” passiert. Wer die Mehrkosten vorgängig bewilligt hat, hat mitgewirkt.
So formulieren Sie eine Richtofferte
Fünf Regeln, und alle fünf brauchen zusammen keine halbe Seite.
- Der Titel sagt, was es ist. “Richtofferte” oder “Unverbindliche Richtofferte” in den Titel, nie “Offerte”. Wer eine Schätzung Offerte nennt, hat im Streitfall einen Preis abgegeben.
- Eine Bandbreite statt einer Zahl. Eine einzelne Zahl wird als Preis gelesen, auch mit “ca.” davor. Wählen Sie die Spanne so, dass das obere Ende auch bei den üblichen Überraschungen hält.
- Mengen mit “ca.” und die Annahmen dazu. Schreiben Sie hin, womit Sie gerechnet haben: Flächen, Höhen, Zustand des Untergrunds, Zugang. Stellt sich vor Ort etwas anders heraus, haben Sie einen sachlichen Grund für den neuen Preis statt eines Streits.
- Toleranz und Vorbehalt in je einem Satz. Die Toleranz nennt die Bandbreite, der Vorbehalt sagt, was fehlt: “Richtofferte ohne Besichtigung, auf Basis Ihrer Angaben. Der verbindliche Preis folgt nach dem Aufmass vor Ort.”
- Gültigkeit, MwSt und der nächste Schritt. Eine Frist zeigt, dass die Zahlen nicht ewig gelten. Schreiben Sie dazu, ob die Beträge exklusive oder inklusive MwSt sind, und was als Nächstes passiert.
Beispiel: Richtofferte für einen Fassadenanstrich
Einfamilienhaus, Fassade laut Angaben der Kundschaft rund 210 m2, zweigeschossig, Verputz in gutem Zustand, keine Besichtigung. Beispielpreise.
| Pos. | Leistung | Menge | Einheit | Ansatz | Total |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Gerüst stellen, Miete 4 Wochen, abbauen | ca. 180 | m2 | 13.00 | 2’340.00 |
| 2 | Fassade reinigen, Risse ausbessern | ca. 210 | m2 | 6.50 | 1’365.00 |
| 3 | Grundierung und Deckanstrich 2x, mineralisch | ca. 210 | m2 | 34.00 | 7’140.00 |
| 4 | Material, Abdeckungen, Entsorgung | 1 | Pausch. | 1’450.00 | 1’450.00 |
Richtwert total rund CHF 12’300, Bandbreite CHF 11’000 bis 13’500, alle Beträge exklusive MwSt von 8.1 %.
Grundlagen: Angaben der Bauherrschaft vom 8. September 2026, Fassade rund 210 m2, Verputz ohne sichtbare Schäden, Gerüst ab Terrain stellbar. Diese Richtofferte ist unverbindlich und ersetzt keine Besichtigung. Die genannten Beträge verstehen sich mit einer Toleranz von +/- 10 %. Nicht enthalten sind Spengler- und Fensterarbeiten, Sanierung von Rissen im Untergrund über das übliche Mass hinaus sowie Bewilligungen und Gebühren. Diese Richtofferte gilt bis zum 31. Oktober 2026.
Vier Positionen reichen. Wer auf dieser Stufe zwölf Zeilen schreibt, suggeriert eine Genauigkeit, die es ohne Aufmass nicht gibt.
Der E-Mail-Text dazu
Guten Tag Herr Berger
Besten Dank für Ihre Anfrage. Auf Basis Ihrer Angaben (Fassade rund 210 m2, zweigeschossig, Verputz in gutem Zustand) rechnen wir für den Neuanstrich mit einer Grössenordnung von CHF 11’000 bis 13’500 exkl. MwSt, inklusive Gerüst, Reinigung, zwei Anstrichen und Entsorgung. Die Aufteilung finden Sie in der angehängten Richtofferte.
Das ist eine unverbindliche Richtofferte ohne Besichtigung. Gerne komme ich nächste Woche am Dienstag oder Donnerstag vorbei, mache das Aufmass und prüfe den Untergrund. Danach erhalten Sie innert zwei Arbeitstagen die verbindliche Offerte mit Festpreis.
Freundliche Grüsse Andrea Furrer, Furrer Malerei AG
Von der Richtofferte zur verbindlichen Offerte
Aus der Bandbreite wird in drei Schritten ein Preis.
- Begehung. Untergrund, Zugang, Höhen, Parkierung, Wasser und Strom, Zustand der angrenzenden Bauteile. Fotografieren Sie alles, was später Anlass für eine Diskussion sein könnte.
- Ausmass. Jetzt werden aus “ca. 210 m2” die effektiven Flächen und aus geschätzten Stunden gerechnete. Das Ausmass ist auch die Grundlage, mit der Sie einen Sprung gegenüber der Richtofferte begründen.
- Fixpreis oder Regie. Ist der Umfang jetzt klar, geben Sie einen Festpreis. Bleibt eine echte Unsicherheit, etwa hinter einer Wand oder unter einem alten Belag, arbeiten Sie diesen Teil in Regie und nennen Stundensatz und geschätzte Bandbreite dafür separat.
Liegt die Offerte über dem oberen Ende der Richtofferte, begründen Sie das in einem Satz. Liegt sie darunter, sagen Sie es ebenfalls, das schafft Vertrauen für den nächsten Auftrag. Wie die verbindliche Offerte aufgebaut ist und was hineingehört, steht im Ratgeber Offerte schreiben; das druckfertige Dokument mit Briefkopf gibt es als Offerte-Vorlage.
Häufige Fehler
- Eine einzelne Zahl statt einer Bandbreite. “Etwa 12’000” ist für die Kundschaft eine Zusage. Nennen Sie zwei Zahlen, dann ist klar, dass Sie schätzen.
- Kein Vorbehalt im Dokument. Ohne den Satz, dass die Richtofferte unverbindlich ist und die Besichtigung fehlt, hilft der Titel allein wenig (OR Art. 7 Abs. 1).
- Zu genau gerechnet. Rappenbeträge auf einer Richtofferte wirken wie ein Aufmass, das nie stattgefunden hat. Runden Sie auf Hunderter.
- Stillschweigend arbeiten, wenn es teurer wird. Das Rücktrittsrecht aus OR Art. 375 setzt voraus, dass die Überschreitung ohne Zutun der Kundschaft passiert. Ein Anruf vorher kostet Sie fünf Minuten und schützt die Schlussrechnung.
- Die Richtofferte nie durch eine Offerte ersetzen. Wer nach dem Aufmass keine verbindliche Offerte nachschiebt, arbeitet auf der Basis einer Schätzung, die er selber nie als Preis gemeint hat.
Aus der Richtofferte wird die Offerte
In MeisterOffice erfassen Sie die Richtofferte als Entwurf und machen nach dem Aufmass mit denselben Positionen die verbindliche Offerte daraus, statt das Dokument ein zweites Mal zu schreiben. Die Preise stehen hier.
Häufige Fragen
Ist eine Richtofferte verbindlich? Nein, sofern sie klar als Richtofferte bezeichnet ist, eine Bandbreite statt einer Zahl nennt und den Vorbehalt enthält, dass die Besichtigung noch fehlt. Das Obligationenrecht hält fest, dass ein Antrag nicht bindet, wenn ihm eine die Behaftung ablehnende Erklärung beigefügt ist (OR Art. 7 Abs. 1). Fehlt dieser Vorbehalt, kann eine einzelne Zahl trotz des Titels als Festpreis gelesen werden.
Wie viel darf eine Richtofferte überschritten werden? Das Gesetz nennt keine Prozentzahl. OR Art. 375 gibt der Kundschaft ein Rücktrittsrecht, wenn ein verabredeter ungefährer Ansatz ohne ihr Zutun “unverhältnismässig” überschritten wird. Als Faustregel gelten rund 10 Prozent als heikel, verbindlich ist diese Zahl nicht. Sicherer fahren Sie, wenn Sie die Toleranz selber ins Dokument schreiben und die Kundschaft informieren, sobald sich mehr abzeichnet.
Muss eine Richtofferte die MwSt ausweisen? Die Vorschriften zum Steuerausweis gelten für Rechnungen, nicht für eine Schätzung vor dem Vertrag (MWSTG Art. 26). Schreiben Sie trotzdem hin, ob die Beträge exklusive oder inklusive MwSt gelten, sonst rechnet die Privatkundschaft mit dem tieferen Betrag. Der Normalsatz beträgt 8.1 Prozent (MWSTG Art. 25 Abs. 1). Sind Sie nicht im Register der steuerpflichtigen Personen eingetragen, dürfen Sie in Rechnungen nicht auf die Steuer hinweisen (MWSTG Art. 27 Abs. 1); weisen Sie dann auch auf der Richtofferte keine MwSt aus.
Richtofferte oder Kostenvoranschlag, was schreibe ich? Waren Sie noch nicht vor Ort, ist es eine Richtofferte. Haben Sie besichtigt und gemessen, aber einzelne Mengen sind noch offen, ist es ein Kostenvoranschlag: ein ungefährer Ansatz, an dem Sie gemessen werden (OR Art. 375). Ist der Umfang geklärt, schreiben Sie eine Offerte mit Festpreis. Entscheidend ist, dass der Begriff auf dem Dokument zu dem passt, was Sie gerechnet haben.